Kinder ans Klima

Das Medienereignis der Woche war der Besuch der Schwedischen Schülerin Greta Thunberg am WEF in Davos. Für viele Schweizer Schülerinnen und Schüler ist Greta Thunberg Inspiration und Ansporn zugleich. Sie wollen deshalb wie Greta weiter für das Klima streiken und wieder auf die Strasse gehen. Rechtsbürgerliche Politiker und Zeitungen vermuten, dass all die Jugendlichen bloss von linken Lehrern instrumentalisiert werden. Die hatten wohl noch nie mit Jugendlichen zu tun. Dazu kommt: Wer, wenn nicht die Jugendlichen, hätte das Recht, ja die Pflicht, uns daran zu erinnern, wie es um den Planeten Erde steht – schliesslich geht es um ihre Zukunft.

Am 2. Februar wollen in der Schweiz wieder Tausende Schülerinnen und Schüler auf die Strasse gehen und für eine nachhaltigere Klimapolitik demonstrieren. Der 2. Februar ist ein Samstag. Für einmal schwänzen die Schüler also nicht zum Demonstrieren. Bisher haben sie nach dem Vorbild der Schwedischen Schülerin Greta Thunberg jeweils Freitags die Schule bestreikt und demonstriert. In Basel lautete ein Slogan: «Natur statt Matur».

Greta Thunberg ist ein Phänomen: Als sie acht Jahre alt war, hat sie sich zum ersten Mal mit dem Klimawandel beschäftigt und damit begonnen, zu Hause Energie zu sparen. Sie recherchierte weiter über den Klimawandel und stellte fest, dass die Menschen das eine sagen, aber etwas völlig anderes machen. Als sie elf Jahre alt war, wurde sie deshalb depressiv und hörte auf zu sprechen und zu essen. Sie wurde Veganerin, weigerte sich fortan, zu fliegen und begann auch, ihre Familie auf ein klimafreundliches Verhalten umzupolen. Angeregt durch die Schülerstreiks und -demos nach dem Parkland-Massaker in den USA setzte sie sich vor das schwedische Parlament, um gegen die Klimapolitik zu protestieren.[1]

Familie umgekrempelt
Im Dezember reiste Thunberg zusammen mit ihrem Vater im Elektroauto an die UNO-Klimakonferenz in Katowice. Den versammelten Politikern und Wirtschaftsgrössen sagte sie da, sie seien nicht reif genug, der Welt die Wahrheit zu sagen.[2] Die «Süddeutsche Zeitung» bezeichnete sie deshalb als «Galionsfigur der Klimabewegung».[3] Zum Zeitpunkt der Rede war Greta 15 Jahre alt. Sie sprach ruhig, ja unbewegt, wie wenn sie vor ihrer Klasse ein Referat über den Klimawandel halten würde.

Bei Greta ist das Asperger-Syndrom diagnostiziert worden. Ihre Gesichtszüge wirken deshalb oft etwas starr, manchmal fast unheimlich. Rechtsbürgerliche Politiker und Medien werfen ihr vor, sie sei lediglich ein Kind, das von ihren Eltern instrumentalisiert worden sei. Ihr Vater sagt, es sei eher umgekehrt. Greta habe die Familie umgekrempelt, sie dazu gebracht, umweltfreundlicher zu leben.

Schwatzen nach dem Mund von Lehrern und Eltern
Greta und ihr Streik, ihre konsequente Haltung und ihre klaren, einfachen Worte sind inspirierend. Vor allem für Jugendliche. In der Schweiz haben viele Schülerinnen und Schüler ihre Botschaft aufgegriffen und ebenfalls gestreikt und für eine nachhaltigere Klimapolitik demonstriert. 20’000 waren es am letzten Freitag in der ganzen Schweiz. Doch auch in der Schweiz kritisieren rechtsbürgerliche Politiker und Medien die Jugendlichen. Auch hier heisst es, sie würden von linken Lehrern indoktriniert. Die «BaZ» schrieb, dass die Jungen nach dem Mund ihrer «Atomkraft? Nein danke»-Eltern schwatzen.[4]

Wie die Leserkommentare zeigen, stimmen viele Leser mit der Sicht der «BaZ» überein. Die meisten Lehrer sind sehr links. Die meisten Jugendlichen lassen sich sehr einfach indoktrinieren. schreibt eine Frau. Motto: Lehrer arbeiten beim Staat, also müssen sie links sein. Ein anderer schreibt, nach der Demo würden die Jugendlichen mit dem Smartphone den nächsten modischen Fetzen bei Zalando bestellen. Das habe ich auch in meinem Bekanntenkreis gehört: Es sei doch nicht glaubwürdig, wenn die Jugendlichen einerseits für das Klima demonstrierten und andererseits bei Zalando einkaufen. Und dann ist auch immer wieder zu lesen, dass die Jugendlichen nicht wüssten, welche Konsequenzen ihre Forderungen hätten: Die Jungen haben auch keine Ahnung, was die propagierten Ideen für katastrophale Folgen für den Wohlstand hätten, schreibt ein Leser auf baz.ch

Kinder an die Macht
Wie wenn sich Jugendliche so einfach instrumentalisieren liessen. Wie wenn Jugendliche im Alter von 17, 18, 19 Jahren nicht selbst denken könnten. Es ist vielleicht sogar umgekehrt: Gerade in dem Alter sind Menschen noch in der Lage, klar zu denken. Noch ist ihr Denken nicht korrumpiert von Rücksichtnahme und Verpflichtungen, Anstandsregeln und Ängsten vor Statusverlust. Es ist kein Zufall, dass nur Kinder und Narren die Wahrheit sagen: Nur Kinder und Narren kümmern sich nicht um den Preis, den man dafür bezahlen muss, wenn man die Wahrheit sagt.

Gebt den Kindern das Kommando / sie berechnen nicht / was sie tun singt Herbert Grönemeyer.[5] Genau das macht für viele Politiker und Wirtschaftsführer Kinder und Jugendliche so gefährlich: Sie denken nicht berechnend. Sie lassen sich nicht kaufen, nicht einbeziehen und rumkriegen. Sie bleiben stur dabei: Ihr Erwachsenen habt die Welt ruiniert. Herbert Grönemeyer singt deshalb: Die Welt gehört in Kinderhände / dem Trübsinn ein Ende / wir werden in Grund und Boden gelacht / Kinder an die Macht.

Scheinheilige Bedenken
Und dann das Gesülze um die Bedenken. Die Jugendlichen könnten die wirtschaftlichen Folgen ihrer Forderungen nicht abschätzen. Es ist das alte Lied: Wirtschaft vor Umwelt. Man könnte umgekehrt der Politik vorwerfen, dass bei vielen Politikern das Denken aussetzt, wenn es um Arbeitsplätze geht. Um die Arbeitsplätze in der Landwirtschaft zu erhalten, wird in der Schweiz sogar der Anbau von Tabak weiter subventioniert – was für ein Hohn![6]

Dazu kommt: Wenn etwas derzeit die Wirtschaft umpflügt, dann ist es die Digitalisierung. Bedenken, welche katastrophalen Folgen für den Wohlstand der Arbeitnehmer die Automatisierung hat, sind selten zu hören. Die Wirtschaft argumentiert, dass die Digitalisierung auch grosse Chancen biete und dass man innovativ sein müsse, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dasselbe Argument liesse sich auf Cleantech anwenden – gerade in der Schweiz, einem Land, das bekanntlich weder Ölquellen, noch Kohleflöze besitzt und nicht auf eine Autoindustrie Rücksicht nehmen muss.

Wer, wenn nicht die Jugend
Wenn da jemand jemanden instrumentalisiert, dann sind es die Medien, welche Menschen wie Greta Thunberg instrumentalisieren. Als Greta in Zürich ankommt, rennen 50 (erwachsene) Journalisten auf sie zu, umringen sie, recken ihre Fotoapparate, strecken ihr Mikrofone entgegen.[7] «20 Minuten» begleitet Greta in den Zug nach Davos und berichtet stolz: So ist Greta, wenn die Kameras weg sind.[8] Der «Blick» weiss sogar, dass sie bei -15 Grad auf der Schatzalp im Zelt übernachtet hat.[9] Seit Greta am WEF ist, umringt und umdrängt eine Meute von Journalisten die relativ kleine Schwedin. Kein Zweifel: Die einzige Erwachsene im Raum ist Greta.

Auch heute Freitag hat Greta in Davos ihren Freitags-Sitzstreik durchgeführt: «Skolstrejk för Klimatet». Schweizer Schülerinnen und Schüler haben es ihr nachgemacht. Gut so. Wer, wenn nicht Jugendliche hätte das Recht, ja die Pflicht, dagegen zu protestieren, was wir Erwachsenen mit dem Planeten angestellt haben. Schliesslich geht es um ihre Zukunft. Natürlich ist der Protest nicht bis ins letzte Detail durchdacht. Das sind Proteste nie. Wir Erwachsenen sollten die Jugendlichen trotzdem ernst nehmen. Natürlich verstossen die Jugendlichen gegen die Schuldordnung – und natürlich werten Schulleitungen und Erziehungsdepartemente den Streik als unentschuldigte Absenz. Die Protestaktion verkäme zum Schulausflug, wenn sie von Lehrern und Erziehungsdirektor abgesegnet würde. Schade ist bloss, dass die Medien sich lange mehr mit dem Absenzenwesen beschäftigten als mit dem Inhalt der Proteste.

Vollends lächerlich ist es, wenn Erwachsene den Kindern vorhalten, sie sollten erst mal selbst umweltfreundlich leben, bevor sie gegen die Klimapolitik protestieren. Wer auf Zalando shoppe, habe kein Recht, für eine bessere Klimapolitik zu protestieren. Müssten unsere Politiker solch harten Massstäben genügen, wäre das Bundeshaus rasch verwaist.

Nein, Vorwürfe an die protestierenden Jugendlichen und Klima-Aktivistin Greta Thunberg sind fehl am Platz. Wenn die Jugendlichen eine bessere Zukunft für die Umwelt fordern, halten sie uns den Spiegel vor. Wir Erwachsenen haben den Planeten versaut. Also sollten wir auch den Mut haben, vor die  Jugendlichen hinzustehen und zu sagen: Ihr habt recht. Lasst uns gemeinsam nach einer Lösung suchen. Das wird nicht einfach – aber ohne eine Lösung würde es noch viel schwieriger. Wie Greta heute am WEF in Davos sagte: «Ich will, dass ihr handelt, als wenn euer Haus brennt, denn das tut es.»[10]

Basel, 25. Januar 2019, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Quelle: www.matthiaszehnder.ch